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Frühjahrsdepression: Gibt es das, oder was steckt dahinter?


Bild: Jörg Carstensen/dpa/dpa-tmn

Wenn draußen alles auf Aufbruch steht, kann sich das für Menschen mit Depressionen paradox anfühlen: Die Tage werden länger, die Stimmung im Umfeld steigt, alle freuen sich über das tolle Wetter - aber die eigene Schwere bleibt.

Das hängt aber nicht unbedingt mit der Jahreszeit an sich zusammen, auch wenn man manchmal von Frühjahrsdepression lesen kann. «Eine Frühjahrsdepression gibt es aus wissenschaftlicher Sicht nicht», sagt Prof. Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor an der Schön Klinik Roseneck. «Eine Depression kann grundsätzlich immer auftreten, auch wenn wir es nicht erwarten.»

Wenn das Frühjahr Symptome verstärkt

Dem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie zufolge kann es aber vorkommen, dass es Menschen mit bestehender Depression im Frühjahr schlechter geht. 

Möglicher Auslöser: der Erwartungsdruck, dass es einem jetzt, wo eine schöne Jahreszeit kommt, gut gehen muss. Die «eigenen Defizite im Rahmen einer Depression wie Antriebslosigkeit oder Freudlosigkeit» würden vor diesem Kontrast teils besonders stark wahrgenommen. 

«Es ist eher ein soziales oder kulturelles Phänomen», so Voderholzer. Man denkt, dass man an den schönen Aktivitäten, die im Frühling endlich wieder möglich sind, teilnehmen muss, und erlebt die Diskrepanz zum eigenen Leistungslevel dann umso stärker. Das kann das Gefühl von Einsamkeit verstärken und dazu führen, dass Betroffene sich noch mehr isolieren. 

Was Betroffenen helfen kann: 6 alltagstaugliche Schritte

Ulrich Voderholzer macht aber Hoffnung. Sofern keine extrem schwere Depression vorliegt (dann fällt es ohnehin schwer, Ratschläge umzusetzen), gibt es eine ganze Reihe an Strategien, die helfen können, depressive Symptome zu verbessern.

  1. Druck rausnehmen: Voderholzer rät, die eigene Situation zu akzeptieren, ohne die Erwartung, «dass es jetzt anders sein muss». Dieser Anspruch könne Schuldgefühle, die bei einer Depression oft ohnehin ausgeprägt sind, noch verstärken. Gleichzeitig sei die Perspektive wichtig, dass Depressionen wieder vorübergehen.
  2. Tagesstruktur: «Tages- und Schlafstruktur sind wichtige Aspekte zur Besserung», sagt der Facharzt. Ausruhen ist erlaubt. Wenn Menschen mit Depressionen tagsüber zu lange im Bett bleiben, ist das aber kontraproduktiv. Das kann die Stimmung verschlechtern und den Nachtschlaf stören.
  3. Bewegung – am besten draußen: Eine der wichtigsten Empfehlungen bei depressiven Episoden: Körperliche Aktivität im Freien. Für viele ist «einfach rausgehen» zudem realistischer umzusetzen als große To-dos. Dabei gilt: Auch ein kurzer Spaziergang zählt. 
  4. Aktiv werden: «Nicht warten, bis die Stimmung gut ist, sondern aktiv werden, damit die Stimmung besser wird», so Voderholzer.
  5. Reden statt Rückzug: Voderholzer rät Betroffenen, die eigene Scham zu überwinden und den Austausch mit Freunden und Angehörigen zu suchen: «Über die eigene Stimmung reden, sich mitteilen, nicht alleine bleiben.» Hilfe anzunehmen sei kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Stärke.
  6. Social-Media-Vergleiche reduzieren: «Die Welt, die man in den sozialen Medien erlebt, ist eine geschönte Realität», sagt Ulrich Voderholzer und warnt vor ständigem Vergleichen. Das kann den eigenen Selbstwert und die Stimmung «noch mehr runterziehen». 
  7. Selbstfürsorge: Wichtig ist, auf eigene Grenzen zu achten, so der Facharzt. «Lieber weniger Aktivität als keine und lieber weniger Aktivität als zu viel», fasst er zusammen. Heißt: Wer es nicht schafft, eine Stunde rauszugehen, geht besser eine halbe Stunde raus als gar nicht.

Wann professionelle Hilfe wichtig ist

Auch wenn nicht jede depressive Verstimmung sofort Behandlung braucht, sollten sich Betroffene bei Bedarf Hilfe holen. «Wenn eigene Strategien nicht mehr reichen und die Symptome erhebliche Auswirkungen auf den Alltag haben und ich zum Beispiel meinen Beruf nicht mehr ausüben kann, brauche ich professionelle Hilfe», so Voderholzer.

Das muss nicht immer sofort eine Psychotherapie sein. Erste Anlaufstelle kann etwa die Hausarztpraxis sein. Unter Umständen können auch niedrigschwellige Therapieangebote wie digitale Gesundheitsanwendungen helfen. Diese «Apps auf Rezept» geben Betroffenen Strategien gegen die depressive Verstimmung an die Hand. Wichtig sind aber die konsequente Nutzung und eine grundsätzliche Offenheit gegenüber dem Programm.

Sich bei depressiven Episoden Hilfe zu suchen und anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Schritt zu Stabilität. Anonym und kostenlos kann man rund um die Uhr mit der Telefonseelsorge sprechen unter 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22. 

Infos zu Hilfe bei Depressionen gibt es auch auf der Seite der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit listet online Beratungsangebote für Menschen, die in einer Krise stecken und Hilfe benötigen.


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(22.04.2026)